Fit für das Sport-Abitur

Fit für das Sport-Abitur | HAZ 07.06.2007

Die HAZ beobachtet zehn Gymnasiasten aus Himmelsthür bei ihrer praktischen Triathlon-Prüfung und registriert erstaunliche Ergebnisse.
© HAZ | Thorsten Berner (Text und Fotos)

Bloß nicht verrechnen:
Die Kollegen aus dem Jahrgang 12 notierten Runden und Zeiten.
Viermal gibt es die Traumnote
Hildesheim. Wie fit sind deutsche Sportabiturienten? Um diese Frage seriös zu beantworten, wären umfangreiche Recherchen nötig. Wie fit Hildesheimer Sportabiturienten sind, das lässt sich schon etwas leichter herausfinden. Die HAZ beobachtete zehn Schüler des Gymnasiums Himmelsthür beim praktischen Teil ihrer Abiturprüfung – und registrierte durchaus erstaunliche Ergebnisse.

Zuerst der Kurzwetterbericht am Prüfungsmorgen: 17 Grad, trocken, absolut windstill. „Ideale Bedingungen für einen Triathlon“, urteilt Lehrer Dietrich Mügge. Der Triathlon ist einer von insgesamt vier Prüfungsteilen des Sport-Abis im Jahrgang 13.

Die Abiturienten haben sich am Beckenrand des VfV-Freibades am Hohnsensee versammelt, sie absolvieren letzte Dehnübungen. Eine gewisse „Grundnervosität“ sei schon vorhanden, gibt Jonas Lindenau, einer der Prüflinge, zu. „Am meisten Schiss hab‘ ich vor den Wechseln“, bangt Natalie Preiß. Eine völlig unbegründete Sorge, wie sich später herausstellen wird.
Aber es bleibt ohnehin nicht viel Zeit zum Grübeln und Nachdenken. Lehrer Udo Gremke gibt den Start frei für 500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen. 15 Punkte – das ist die Traumnote eines jeden Abiturienten – das entspricht einer „Eins plus“. Um die Höchstpunktzahl zu erreichen, müssen die Männer den Triathlon mindestens in 1 Stunde 10 Minuten beenden, Frauen in 1:19. Ist das zu packen?

Tolle Leistung: Die Prüfer Dietrich Mügge (links), Susanna Hasse und Udo Gremke waren mit den Ergebnissen ihrer Schüler sehr zufrieden.

Marc Uppenkamp legt ein höllisches Tempo vor. Wasser ist sein Element. Kein Wunder, der 20-Jährige war bis vor kurzem Leistungsschwimmer bei EVI Hildesheim. Weit vor allen anderen steigt er aus aus dem Becken und dreht seine Runden auf der VfV-Radrennbahn zunächst ganz allein.

Nach und nach füllt sich die Rennstrecke. Die meisten Radfahrer schlagen ein hohes Anfangstempo an. „Runterschalten, das haltet ihr nicht durch“, rufen ihnen die Kolleginnen und Kollegen aus dem 12. Jahrgang zu. Sie sind heute als Zeitnehmer und Rundenzähler eingeteilt und verschaffen sich schon mal einen Eindruck, denn im nächsten Jahr müssen sie selbst ran. „Verzählt euch nicht“, ermahnt Prüfer Mügge die ,Kampfrichter‘.“ Mit Recht, denn Zahlendreher können fatale Folgen haben. Eine Runde zuviel kann eine ganze Note kosten.
Schnellste Frau:
Natalie Preiß wirkte selbst im Ziel noch frisch. Ihre Zeit 1:11,23 Std. reichte locker für 15 Punkte.
Schnellster Mann:
Der ehemalige Leistungsschwimmer Marc Uppenkamp brauchte nur 1:06,12 Std. für den Kurztriathlon auf dem VfV-Gelände.
Die meisten Radler haben ihren Rhythmus schnell gefunden. Es bilden sich Gruppen, die sich mit der Führungsarbeit abwechseln – ganz wie bei der Tour de France. „Aber ohne EPO“, witzelt Susanna Hasse, die ebenfalls als Prüferin fungiert. „Steht Magnesium auch auf der Dopingliste?“, fragt ein Schüler in der Wechselzone. „Und was ist mit Alkohol?“, ulkt ein anderer.
Nach dem Radfahren liegt Uppenkamp immer noch klar vorn. Hinter ihm befindet sich auch André Brun auf 15-Punkte-Kurs. Lehrer Gremke rechnet schnell durch: „Die letzten 2500 Meter muss er in 12:30 Minuten schaffen.“
„Das packt der André“, da ist sich Großvater Heinrich Marheineke ganz sicher. Als der Enkel vorbeikommt, zaubert der Opa ein kleines Jagdhorn aus der Jackentasche und bläst zur Attacke. „Ich war früher Jäger“, erzählt er stolz. Die lautstarke Unterstützung verleiht André auf den letzten Metern Flügel. Er gibt noch mal Gas und schafft die 15 Punkte. Opas Jagdhorn glüht!
Aber einer ist noch schneller: Marc Uppenkamp feiert einen Start-Ziel-Sieg. 1:06,12 lautet seine Zeit. „Meine Kondition ist noch ganz okay“, röchelt er. Den Leistungssport hat er trotzdem abgehakt: „Das tue ich mir nicht mehr an.“
In der Gruppe geht’s leichter:
Auf der Radstrecke bildeten sich schnell Formationen.
„Nataliiiiie, ziiiiieh!“, tönt es indes von der Laufstrecke am Hohnsensee. Die Zeitnehmer aus der Zwölf feuern Natalie Preiß an. Die wirkt noch fast so frisch wie am Start und spurtet nach 1:11,23 leichtfüßig über die Ziellinie. Leider gibt es in der Abiturprüfung keine 17 Punkte – Natalie hätte sie locker erreicht. Nur zwei Minuten später hat es auch Jeanette Landsvogt geschafft. Ihre 1:13 reichen ebenfalls lässig zur Höchstpunktzahl. Extra trainiert habe sie dafür nicht“, verrät sie. Muss sie auch nicht, denn Jeanette treibt sowieso jeden Tag Sport: Sie läuft und geht ins Fitnessstudio. „Trotzdem war das heute ganz schön anstrengend“, schnauft sie.
Ziemlich fit ist auch Julia Graunke. Sie steht im Eishockeytor der Hannover Indians. Auch da braucht man eine gute Kondition – die sich nun auszahlt. Ihre Zeit: 1:24,35 – dafür sackt sie 13 Punkte ein.
Sportlich vorgeprägt sind die Schüler im Leistungskurs Sport fast alle. Judoka, Fußballer, Schwimmer und Handballer sind darunter. Was aber nicht heißt, dass auch der spätere Beruf unbedingt etwas mit Sport zu tun haben muss. Tobias Goethlich will Ingenieur werden, Tobias Holze strebt eine Laufbahn im gehobenen Polizeidienst an. „Eine Banklehre wäre nicht schlecht“, meint Jeanette Landsvogt.
Aber erstmal wollen alle ihr Abitur bauen. Diesem Ziel sind die zehn Triathtleten ein Stück näher gekommen. Allerdings macht der Triathlon nur einen kleinen Teil der Gesamtnote aus. Allein im Fach Sport stehen noch zwei weitere praktische Prüfungen sowie eine vierstündige schriftliche Klausur auf dem Plan.
„Triathlon ist nicht so anspruchsvoll wie andere Sportarten. Man braucht in erster Linie eine gute Ausdauer“, erklärt Mügge. Kniffliger werde es beim Turnen, Badminton oder Tischtennis, wo die Technik eine größere Rolle spiele. Mit den Egebnissen im Triathlon ist die Lehrer-Crew sehr zufrieden. Vier von zehn Teilnehmern erreichten die Bestpunktzahl 15. Je einmal gab es 14, 13, 12, 11 und 10 Punkte. Eine Schülerin bekam für ihre 1:37,52 immerhin acht Punkte. Eine glatte „Drei“ – das ist so schlecht nun auch wieder nicht.

Die Himmelsthürer Abiturienten haben beim Triathlon ordentlich Gas gegeben. Aber wie fit sind Sie eigentlich? Wieviele Punkte würden Sie erreichen? Für die Höchstpunktzahl 15 muss ein Mann eine Zeit von 1 Stunde 10 Minuten oder besser erreichen. Danach wird im Drei-Minuten-Takt heruntergerechnet. 14 Punkte gibt es bis 1:13, 13 bis 1:16, 12 bis 1:19, 11 bis 1:22 usw. Frauen müssen für 15 Punkte mindestens eine Zeit von 1:19 erreichen. Im übrigen gilt die Drei-Minuten-Regel wie bei den Männern. Folgende Schulnoten entsprechen den Punktzahlen im Abitur: Note 1 (15, 14, 13 Punkte), Note 2 (12, 11, 10), Note 3 (9, 8, 7); Note 4 (6, 5, 4); Note 5 (3, 2, 1), Note 6 (0). Um auf 10 Punkte zu kommen, müssten Männer beim Triathlon ungefähr folgende Zeiten erreichen – Schwimmen 12 Minuten, Radfahren 45 Minuten, Laufen 27,30 Minuten. Probieren Sie es doch mal aus. Um zumindest ein Pünktchen zu ergattern, müssen männliche Triathleten unter 1:55 bleiben (Frauen 2:04).
Mit Jagdhorn am Streckenrand:
Heinrich Marheineke feuerte seinen Enkel lautstark an. Mit Erfolg: André holte die volle Punktzahl.