Ein Lebensgefühl leicht neben der Spur

Reggae-Workshop mit Sista Gracy und der Yardy Crew im Gymnasium Himmelsthür / "Stir it up" als großes Finale © HAZ 26.01.2011

VON ANDREAS BODE Die erste Frage hatte auf den ersten Blick nichts mit Musik zu tun. "Wie bekommt man solche Dreadlocks?" Für die, die frisurtechnisch nicht so ganz auf der Höhe sind: Dreadlocks sind Strähnen verfilzter Haare.
Den 28 Schülern der 10. Klasse des Gymnasiums Himmelsthür muss man das nicht erklären, aber Diedel Klövers Antwort verblüffte auch sie: "Die wachsen halt aus dem Kopf." Nun sind Dreadlocks zwar einerseits eine modische Frisur, andererseits können sie auch einen religiösen oder spirituellen Hintergrund haben, Beispielsweise bei den Rastafari. Dabei handelt es sich um eine Glaubensrichtung, die aus dem Christentum entstanden ist- in den 1930er Jahren, bei der schwarzen Bevölkerung Jamaikas, Und insofern hat das doch mit Musik zu tun. Ist doch Jamaika Heimatland des Reggae. Denn um Reggae geht's an diesem Vormittag im Musikraum des Gymnasiums Himmelsthür.
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Sista Gracys Musik ist ansteckend. Sie und die Yardy Crew schaffen es mühelos, die ganze Klasse 10 zum Grooven zu bringen.
Foto © Hartmann HAZ

Diedel Klöver ist einer von denen, die den Schülern das Gefühl des Reggae vermitteln wollen. Der Bassist - er erklärt gleich mal: "Das wichtigste Instrument, das ist der Bass" - sowie Hene Marheineke (Keyboard, Schlagzeug, er wohnt übrigens in Sorsum), Tom Bennecke (Gitarre) von der Yardy Crew - und selbstverständlich Sista Gracy, die Sängerin, die von manchen auch als Reggae Queen bezeichnet wird. Sie hat den Reggae in ihrem Heimatland Jamaika quasi mit der Muttermilch aufgesogen, inzwischen lebt sie-seit 25 Jahren - in Deutschland, in Varel bei Wilhelmshaven.

Die Yartly Crew beginnt, die Füße der ersten Schüler wippen bereits, doch: "Ihr merkt, das ist alles noch sehr swingig, sehr amerikanisch", erklärt Diedel Klöver, der übrigens mit Sista Gracy verheiratet ist. "Im Reggae, da geht das noch mehr in den Offbeat min." Also vereinfacht gesagt in eine kleine Abweichung vom Grundrhythmus. Aber jetzt ...
Die 28 beginnen mitzuklatschen, Sista Gracy nimmt einen Schellenkranz und andere Perkussionsinstrumente, die sie an die Schüler weiterreicht. Einen Guiro etwa an Verena Kutscher. "Toll", kommentiert die 16-Jährige. Nein, Reggae kannte sie bisher nur vom Namen. "Find ich aber cool!"

Dass die 28 nun erfahren, erfühlen, was es mit Reggae auf sich hat, verdanken sie ihrem Musiklehrer Thomas Schonebeck und dem Zentrum für Weltmusik der Universität. Das, erläutert die wissenschaftliche Hilfskraft Uta Budzinski, wolle Schüler mit Weltmusik in Verbindung bringen, Menschen erreichen, die das Zentrum nicht besuchen, und Bindeglied zwischen Stadt und Universität sein. Also bot das Zentrum Schulen Zusammenarbeit an. Schonebeck ist einer der wenigen Lehrer, die geantwortet haben. Und der einzige, der dieses Projekt in die Schule geholt hat. Klar, dass er auch die Sammlung des Zentrums für Weltmusik kennt.
Was er von dem knapp dreieinhalbstündigen Workshop erwartet? "Mit authentischen Musikern ins Gespräch zu kommen. Und viel Musik zu machen." Darum hat er auch alles an Instrumenten zusammengebracht, dessen er habhaft werden konnte: Percussionsinstrumente, Keyboards, ein Flügel steht ohnehin im Musikraum, Boomwhackers, das sind gestimmte Plastikrohre.

Valerie Kraemer setzt sich an den Flügel - die Yardy Crew hat die ganze Zeit weitergespielt. Die 16-Jährige musiziert sonst "alles Mögliche, Klassik und Pop". Aber ihr Vater hört viel Reggae. Der Unterschied zu dem, was sie sonst spielt? "Ein bisschen ist es schwierig, auf Offbeat zu spielen. Kurz nach dem Takt. Wenn man drin ist, geht es. Aber wenn man draußen ist: Schwierig, wieder reinzukommen.

Warum Sista Gracv mit ihrer Kunst in Schulen geht, ihre Antwort ist einfach und überzeugend: "Das macht Spaß. Das geht supertoll mit Schülern." Es sei ihr wichtig, "dass die Leute Reggae kennenlernen". Reggae sei "einfach ein Lebensgefühl". Sozusagen ein Lebensgefühl leicht neben der Spur, was den Takt angeht.
Was die Schüler erarbeitet haben, es konnte sich in der Tat hören lassen: Um 12.25 Uhr kam über Lautsprecher eine Durchsage, dass es jetzt ein Konzert für das ganze Gymnasium gibt. Eine halbe Stunde lang. Mit Sisty Gracy und der Yardy Crew - und selbstverständlich allen 28 Schülern der 10 BC. Mit dem Höhepunkt "Stir it up" von Bob Marley.
Wenn's nach Schonebeck geht, war es nicht das letzte Projekt dieser Art. "Ohne Musik kann man nicht leben", sagt Sista Gracy noch, Und wie sie Musik macht, das ist ansteckend.

Sista Gracy und die Yardy Crew gastieren am morgigen Donnerstag, 27. Januar, 20 Uhr, im Zentrum für Weltmusik, Timotheusplatz. Der Eintritt ist frei.