Ein „Rennwagen“...

...für den Mathe-Unterricht

Gymnasium Himmelsthür nimmt mit fünf Schulen aus Niedersachsen an bundesweit einmaligem Versuch teil
© HAZ 29.11.2005

Maximilian Nüßler und Gerrit Algermissen aus der Klasse 7 CD nehmen am bundesweit einmaligen Schulversuch mit dem CAS-Rechner teil. „Das ist spannender als normaler Unterricht“, findet Gerrit Algermissen

(zer) Das Gymnasium Himmelsthür nimmt an einem Schulversuch des niedersächsischen Kultusministeriums teil: Die Schüler der siebten Klassen dürfen im Mathe-Unterricht ihre Algebra-Aufgaben mit dem Taschenrechner lösen.

Im Unterrichtsraum der Klasse 7 CD des Gymnasiums Himmelsthür ist es still. Die Schüler sollen die Länge des Bremswegs bei einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern berechnen. Doch statt wie Generationen von Schülern vor ihnen die Gleichung in ihr Heft zu schreiben und dann auszurechnen, tippen sie die Aufgabe in ihre Taschenrechner ein. Ohne aufpassen zu müssen, dass der Lehrer sie erwischt: Sie nehmen an einem auf fünf Jahre angelegten Schulversuch teil.

Sechs Gymnasien aus ganz Niedersachsen testen im Mathe-Unterricht den Einsatz von modernen Taschenrechnern mit Computer-Algebra-System (CAS). Im Unterschied zu gewöhnlichen Taschenrechnern können sie nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Variablen, Funktionen und Matrizen umgehen.
Das Projekt ist bundesweit einzigartig. Wilhelm Weiskirch, Fachberater für Mathematik bei der Landesschulbehörde, hat für das Kultusministerium die sechs Schulen ausgesucht, die daran teilnehmen dürfen. Neben Schulen aus Lüneburg, Lingen, Syke, Hankensbüttel und Papenburg fiel seine Wahl auf das Gymnasium Himmelsthür. „Weil die Lehrer schon seit 1997 mit algebrafähigen Rechnern im Unterricht arbeiten“, sagt Weiskirch.

„Mit dem Versuch wollen wir den Einsatz des Geräts systematisch erproben“, erklärt der Staatssekretär des Kultusministeriums, Hartmut Saager. In der Mathematik gebe es ständig neue Entwicklungen, die auch im Unterricht umgesetzt werden sollten. Der Einsatz der Rechner erfordere einen anderen Unterricht, bei dem das Verständnis des Verfahrens wichtiger sei als dessen Anwendung.

„Das Kopfrechnen sollen die Schüler allerdings nicht verlernen“, betont Professor Dr. Regina Bruder, die den Schulversuch wissenschaftlich begleitet. Sie beobachtet die Leistungen der Schüler, testet und befragt sie. Die Finanzierung der Untersuchung hat die Firma Texas Instruments übernommen – die Taschenrechner herstellt.

„Der Versuch kann auch schief gehen“, gibt Jürgen Volpert, Schulleiter des Gymnasiums Himmelsthür, zu bedenken. Die Arbeit mit dem CAS-Rechner sei wie die Fahrt mit einem Rennwagen: Er müsse sicher beherrscht werden, wenn es zu keinem Unfall kommen soll. Ein „Unfall“ wäre, wenn Schüler nicht mehr selbstständig rechnen könnten.

Nicht nur aus diesem Grund hätten sich die Eltern zwei Jahre gegen den Einsatz des Taschenrechners gesperrt. Denn das Gerät kostet etwa 170 Euro, die die Eltern zahlen müssen. „Im Notfall können sie die Rechner in Raten zahlen, sie leihen oder leasen“, sagt der Lehrer und Koordinator des Tests am Gymnasium Himmelsthür, Christian Bräuer.