Die Noten für das Schuljahr stehen fest, die Zeugnisse gibt es am Montag und in den kommenden Wochen stehen die Abiturprüfungen an. Doch zuvor steht für zwei Seminarfachkurse des Gymnasiums Himmelsthür ein anderer Abschluss auf dem Programm:
Die Schüler der 13. Klassen zeigen ihren Mitschülern das Ergebnis ihres Projektes "Mathematik zum Anfassen". Rund 20 Stationen in der Pausenhalle der Schule machen mathematische Formein und Rätsel greifbar. Das Prinzip der "Minimaflächen" etwa leuchtet auf, wenn in einem Drahtgestell Seifenblasen entstehen, die Formel der "Summe der Quadratzahlen" scheint ganz einfach, wenn einfache Holzklötze zu einem Quader zusammengesetzt werden. Wortungetüme wie "Brachistochrone" oder "Tautochrone" gehen dabei in anschaulichen Experimenten auf.
"Hier setzen sich die Schüler mit Mathematik praktisch auseinander, wie sie es sonst im Unterricht nicht können", erklärt der Mathematiklehrer Lutz Breidert. Zu Beginn des Jahres hat er mit seiner Klasse das "Mathematikum" in Gießen besucht - daher stammt die Idee für das Projekt. Das etwas andere Museum versucht mit einfachen Aufbauten Kindern spielerisch komplizierte mathematische Sachverhalte näher zu bringen.
Dieser Aufgabe stellten sich auch die Himmelsthürer Gymnasiasten. Sechs Wochen schraubten und bastelten die Schüler an ihren Exponaten. Timo Reger baute zum Beispiel eine Zykloide - eine Art Rutschbahn für Murmeln, bei der die Kugeln, egal an welchem Punkt sie starten, zum gleichen Zeitpunkt an das Ende der Bahn gelangen. Zwei Blechdosen, auf die die Murmeln treffen, überzeugen auch das Gehör von diesem "tautochronen" Prinzip. Am nächsten Tisch versuchen sich einige Neuntklässler am Aufbau einer sogenannten "Leonardobrücke". Ohne Hilfsmittel sollen sie mit mehreren rechteckigen Holzbrettchen eine Brücke aufstellen.
Lukas Ellenbergs Brücke steht und muss nur noch stabilisiert werden, die Holzbrettchen von Sebastian Handelsmann am Platz daneben fallen aber im- mer wieder auf den Tisch. "Die Kraft muss verteilt werden, damit die Brettchen sich gegenseitig stützen", weiß Lukas. Ihm macht das Experimentieren Spaß: "Hier kann man die Ideen, die dahinterstecken, besser begreifen." Sebastian stimmt ihm zu: "Das entspannt vom täglichen Mathestress und man sieht, wozu die Formeln im Alltag gut sind." Kaum hat er es gesagt, stürzt die Brücke von Lukas zusammen. Auch praktische Mathematik kann wohl verzwickt sein.
Für den Lehrer ist die Ausstellung ein voller Erfolg. Alle 20 Minuten kommt die nächste Schülergruppe, um in der Ausstellung Mathematik "anfassen" zu können. "Wir werden die Ausstellung wohl aufgrund der hohen Nachfrage noch an einem weiteren Termin zeigen", kündigt Breidert an.
Die Universität lädt sogar Kindergartenkinder ein, um mathematische Phänomene zu erklären. Lehramtsstudenten haben dazu theoretische wie praktische Inhalte erarbeitet. Von Klecksbildern, in der die Symmetrie entdeckt wird, über Bewegungsspiele mit Zahlen bis hin zu einem selbstgebastelten Gesellschaftsspiel mit geometrischen Formen und Figuren greifen sie viele Bereiche der Mathematik auf.
"Die Kinder profitieren davon, weil sie mit Spaß und Freude die Strukturen der Mathematik entdecken", erläutert Anja Fried, wissenschaftliche Angestellte am Institut für Mathematik und Informatik.