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VON MARTINA PRANTE
HILDESHEIM. Aus riesigen Augen schaut das Mädchen den Betrachter an. In ihren Pupillen spiegeln sich die Anfangsbuchstaben internationaler Ladenketten, im Hintergrund rasen Autos vorbei, ein Coffeeshop lädt zum Verweilen. Szenen einer Stadt, wie Julia-Valerie Possekehl sie sieht.
Es gibt aber auch andere Blickwinkel auf den Moloch Großstadt: Der eine nimmt sie über die Zeitung wahr, für den anderen ist sie der Ort, sich zu vergnügen. Fußgängerzonen werden als Straßen der Einsamkeit, aber auch als attraktive Shoppingmeilen verstanden. Eine Stadt in der südlichen, kleinteiligen Variante wird zum Ort des Idylls und der Sehnsucht. Und aus dem Blickwinkel von Liebenden sind Häuserschluchten einfach nur der Ort, an dem sie endlich wieder zusammenfinden.
„Ich und die Stadt“ war der Unterrichtstitel, den die Kunstpädagogen Rolf Behme und Gerd Günter ihren Zwölft- und Dreizehntklässlern vorgegeben haben. Kleine Hilfestellung für die Schüler am Gymnasium Himmelsthür war das gleichnamige expressionistische Bild von Ludwig Meidner aus dem Jahre 1913. Gestern Nachmittag wurde die Ausstellung im 1. Stock des Landgerichts mit der Aufführung einer amüsanten Schülerinszenierung zu Nick Hornbys „Nippel Jesus“ eröffnet.
Und die rund 60 Bilder zeigen eine Vielfalt von Ansichten, in denen die kritische überwiegt. Ganz klar allerdings wird in den meisten Bilder, dass unter Stadt sicher nicht Hildesheirn zu verstehen ist: Die Silhouetten haben eher den Charakter von New York.
Maren Koch beschreibt die Natur als Basis menschlichen Daseins, dargestellt in einer nackten Frau, aus der ein Fluss des Lebens entspringt. Ihr Kopf aber steckt im grauen, vom modernen Verkehr hervorgerufenen Alltagssmog.
Das Thema Auto hat auch Julia-Valerie Possekel beschäftigt. Allerdings sozusagen von innen heraus. Sie sitzt im Auto und sieht im Außenspiegel die Stadt hinter sich liegen. Das plastisch herausgearbeitete Gesicht mit den blicklosen Augen gleicht dem Munk’ schen "Schrei" und versinnbildlicht das Ausgeliefertsein an das, was diese Stadt ausmacht.
Nicola Sarstedt sieht sich auch fahrend, allerdings als Touristin auf einer Rolltreppe, die mit Tüten bepackt einen letzten Blick zurück auf das Einkaufsviertel wirft: mit der Kamera, aus deren Blickwinkel das Bild denn auch gemalt ist.
Als fantastische Malerin outet sich Julia Münchhoff: Über einer nächtlich erleuchteten Großstadt taucht sie selber in verschiedenen Figuren auf: als natur, Musik und fast philosophisch-esoterisch auf einer Wolke sitzend. Die Stadt gehört dazu, aber die Plätze für ihre Neigungen hat sie außerhalb gefunden.
Reizvoll auch Vincent Tilmanns Selbstbildnis, in dem er die Stadt aus sich herauszuschreien versucht, oder Jeannine Fralopps collagierte Verschlingungen mit einem Häusermeer, das sie mit ihrer Anonymität und Geschwindigkeit sprachlos zurücklässt.
Achterbahn fährt Julia Klingebiel in ihrer vereinfachten, klaren Bildzeichnung. Aber auch sie führen die bunten Gleise heraus aus einer Stadt, die für sie nichts Positives hat. Ludwig Meidners Vorbild hat Kivanc Yilmaz für sich adaptiert und auf eigene Art zitiert; auch hier das Ergebnis negativ. Die Großstadt scheint für die meisten 16- bis 18-Jährigen wenig Positives zu bieten.
Zur Vernissage freute sich der stellvertretende Landgerichtspräsident Rainald Bever über das Bemühen der Lehrer, mit ihren Schülern an die Öffentlichkeit zu treten: „Ich finde es gut, dass es nicht nur Noten gibt, sondern auch den Mut, sich draußen zu zeigen.“
Es ist bereits das dritte Mal, dass Behme den Kontakt zum Landgericht und seinen vielen Wänden nutzt. Und die Öffentlichkeit haben die Schüler auch verdient, loben er und Günter: "Das habt ihr toll gemacht. Keiner muss sich verstecken".
Die Ausstellung im Landgericht Hildesheim ist bis zum 12. April in der ersten Etage vor den Sitzungssälen zu sehen.
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