Zeitzeugen 2011

© Hildesheimer Zeitung, 13. Januar 2011 | hei

15-jähriger Mauer-Toter erschüttert Schüler
Stasi-Unrecht ist Thema in Hildesheimer Schulen / DDR-Dissidentin Franke schildert Kampf gegen die Lügen des SED-Regimes.

Als sie geboren wurden, war die DDR schon Geschichte. Doch plötzlich kommt die Diktatur den Schülern vom Gymnasium Himmelsthür sehr nahe - in Gestalt von Stasi-Akten.

Betroffen blättert Philipp Hüncken (20) mit seinen Mitschülern durch die Seiten. Von zwei 15-Jährigen ist da die Rede. Eines Nachts, im Dezember 1979, schleichen sie zur innerdeutschen Grenze, wollen aus der DDR fliehen. Ohne es zu merken, treten sie auf einen Alarmdraht. Grenzsoldaten schicken Warnschüsse in den Himmel. Einer der Jungen rennt zurück, um sich im Wald zu verkriechen. Die Grenzer schießen ihn nieder. Am Ende liegen 51 Patronen auf dem Boden und ein toter Schüler.
Der 20-jährige Philipp liest in den Akten, wie es weiterging: Die Stasi beschlagnahmt die Leiche. Die Mutter sieht ihren Sohn nie wieder, darf keine Todesanzeigen aufgeben und mit niemandem darüber reden. Doch was um jeden Preis vertuscht werden sollte, ist nun, 30 Jahre später, Unterrichtsstoff.

Der Schüler Karl-Ludger Matiske (19) wusste von Verwandten bereits einiges über die DDR. "Da wurde gegängelt, überwacht und man hat in Lokalen nicht laut geredet", hat er bei Gesprächen im Familienkreis aufgeschnappt. Die Akten zeigen ihm nun, wie allmächtig die SED-Diktatur jederzeit einen Menschen vernichten konnte.

Mitgebracht hat die Unterlagen Gudrun Krauß von der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Mit ihrem Besuch wird für die Gymnasiasten des 13. Jahrgangs ein mögliches Geschichts-Prüfungsthema plötzlich sehr anschaulich. "Die Schüler lernen dadurch auch den Wert der Freiheit kennen", sagt Koordinator Georg Lauter. Für diese Freiheit hat sich Uta Franke eingesetzt. An diesem Vormittag erzählt die frühere DDR-Bürgerin den Schülern der Grundkurse aus ihrem Leben.

In einer Gruppe Gleichgesinnter diskutierte sie in den 70er Jahren über die alltägliche Unterdrückung: Der Staat verbietet Musikgruppen und Schriftsteller, bürgert Wolf Biermann aus, sperrt den Dissidenten Rudolf Bahro ein. Über all dem liegt der Nebel von Sprechverboten und Falschinformationen. "Diese Lügen haben uns so aufgebracht, dass wir ein Flugblatt gedruckt haben", erzählt die 55-Jährige. Sie wollte, dass ihre damals kleine Tochter Dörte in einem freien Land leben kann. Dass die Stasi bereits alles über ihre Gruppe wusste, ahnte niemand ihrer Freunde.

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Uta Franke

1979 wurde Franke verhaftet und zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Die Schüler fragen sich, wie sie selbst in der DDR reagiert hätten. Lisa Krispin (17) sagt ehrlich, sie könne es nicht sagen.

"Frau Franke musste ja damit rechnen, dass sie auffliegt, dass man ihr die Tochter wegnimmt und ins Heim steckt." Silja Schnack (18) bewundert alle, die es wagten, dem System Widerstand zu leisten.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Stasi in Hildesheim zum Schul-Thema wird. Im vergangenen Sommer machte die Ausstellung "Feind ist, wer anders denkt" im Rathaus Station, zahlreiche Klassen besichtigten sie.

Die Walter-Gropius-Schule stieg noch viel tiefer ein: Sechs Lehrer und Referendare bereiteten ein großes Programm für die gesamte Schule vor. Dazu gehörte der Film "Das Leben der anderen", aber auch ein Gespräch mit der Verkäuferin aus der Schul-Cafeteria - sie hatte einst in der DDR als Lehrerin gearbeitet. Die Fachoberschule Gestaltung produzierte Plakate zum Thema Unfreiheit und Überwachung. "Anfangs haben einige lange Gesichter gemacht, als wir das Thema angekündigt haben", erinnert sich die Politiklehrerin Birgit Preuß. "Aber dann haben sie gemerkt, dass sie mittendrin bei der Verarbeitung einer noch lange nicht vergessenen Vergangenheit stecken." Mehrere Schüler berichteten ihren Lehrern später, sie hätten sich im vergangenen Jahr am 3. Oktober zum ersten Mal über die Wiedervereinigung gefreut.