Zeitzeugen

„Da wusste ich, was Angst bedeutet“

Der Jude Joseph Ron berichtet Schülern im Gymnasium Himmelsthür vom Nazi-Terror.
© HAZ 15.09.12009


Mucksmäuschenstill ist es im Saal als Joseph Ron erzählt, welche Grausamkeiten er als Kind erlebt hat. Foto © Kreichelt | HAZ

H i l d e s h e i m (ask). Vor 70 Jahren überfiel Deutschland Polen. Damit begannen der Zweite Weltkrieg und die fünfjährige Besetzung des Nachbarlandes. Am Gymnasium Himmelsthür trafen Schüler auf einen Leidtragenden dieser Verbrechen – Joseph Ron.

„Ratatatatat“, ahmt Ron das Geräusch eines Maschinengewehrs nach. Seine Geschichte beginnt im polnischen Lodz am 1. September 1939. Dort lebte der Fünfjährige, als die deutschen Soldaten einmarschierten. Es sollte das erste, aber noch lange nicht das letzte Mal sein, dass er das Geräusch eines Maschinengewehrs hört. „Ich wusste plötzlich, was Angst bedeutet“, berichtet der Besucher aus Israel den Schülern. Was folgt, ist die Beschreibung von unglaublichen Szenarien, die wirklich stattgefunden haben.

Die Schrecken sitzen noch immer tief. Das zeigt sich auch daran, dass es der erste Deutschlandbesuch seit Rons Emigration nach Israel ist. Begleitet wird er von seinen beiden Söhnen Alon und Oren Ron. Jetzt ist er bereit, vor mehr als 60 Schülern des zehnten Jahrgangs über seine Zeit der Gefangenschaft und Unterdrückung zu sprechen. Mucksmäuschenstill ist es im Saal, als Ron erzählt, wie sein Vater eines Tages nach Hause kommt. Sein Bart ist abgeschnitten. Es waren die Deutschen, die ihn peinigten. „Hast du geweint?“, fragt die Mutter. „Nein. Den Gefallen wollte ich ihnen nicht tun.“

Die Familie wird verhaftet und im Ghetto Piotrków bis 1943 gefangen gehalten. Die Familie kommt ins Zwangsarbeitslager Bugaj. Die Kinder müssen täglich sinnlose, schwere Arbeit verrichten. Das einzige, was ihr Leben an einem seidenen Faden zu halten scheint, ist ihre Arbeitskarte. „Wir versuchten, jeden ohne eine solche Karte zu verstecken. Ohne sie galt man als vogelfrei“, sagt Ron und erzählt eine weitere bedrückende Geschichte. Wie eine Gruppe von Menschen ohne Arbeitskarte im Dach eines Hauses versteckt wird. Die deutschen Soldaten kommen und durchsuchen das Gebäude. Da fängt ein Baby an zu schreien. Alle fürchten die Entdeckung, die Mutter des Kindes versucht, das Geschrei zu verhindern – mit einem Kissen. Als die Soldaten abziehen, ist das Baby tot. Erstickt von der eigenen Mutter. „Sie hat es für alle anderen geopfert. Hätten die Deutschen die Flüchtlinge gefunden, hätten sie alle getötet.“

Im November 1944 wird Ron von seiner Mutter und seinem Bruder getrennt und in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt. Er kommt in einen Raum. Sein erster Blick fällt auf die Sprinkleranlage an der Decke. Hier sollen die Gefangenen auf dem blanken Boden übernachten.

Schnell machen Geschichten von Gaskammern die Runde. Ron erinnert sich, wie ihm von Menschenpyramiden erzählt wurde. Weil das tödliche Gas schwerer als Luft war, versuchten
sich die Menschen zu retten, indem sie so weit wie möglich nach oben kletterten. Über die Toten hinweg. Und jedes Mal, wenn die Tür zum Verbrechen wieder aufgetan wurde, lagen die Toten wie zu einer Pyramide gestapelt. Der Raum, in dem Ron landete, war jedoch keine Gaskammer. Der Junge verbrachte in ihm eine Nacht, in der an Schlaf nicht zu denken war.

Als er neun Jahre alt war, fand Ron seinen Onkel im Konzentrationslager. Erhängt. Er hatte am Tag vorher seine karge Brotration gegen eine Zigarette getauscht. Dafür musste er sterben. Ein „Kindertransport“ verlagert ihn in ein „Kinderheim“ in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Hier trifft er seine Mutter und seinen Bruder wieder. Am 15. April 1945 wird die Familie befreit.

Die Schreckensgeschichten hören nicht auf. Ron sah Menschen am Essen sterben. Weil sie, als sie endlich wieder etwas bekamen, es nicht vertrugen. Die Verdauung raubte die letzten Energiereserven aus den ausgehungerten Körpern.

Die Himmelsthürer Schüler reagieren fassungslos. Lebendig wie kein Geschichtsbuch berichtet dieser Zeitzeuge. Dessen Besuch sei eine besondere Ehre, hatte Holger Fründt, stellvertretender Schulleiter, zur Einleitung betont. „Nutzen wir die einzigartige Gelegenheit, uns auf der Basis von Quellen Wissen anzueignen – in diesem Fall von einer lebendigen Quelle: Dem Zeitzeugen Joseph Ron.“


Fotos: Günter