„... dass dieses Elend ein Ende hat“


Die Worte hinterließen deutliche Spuren in den Gesichtern:
Die Texte zum Thema Krieg, vorgetragen von Schülern des Gymnasiums Himmelsthür, gingen vielen der 160 Teilnehmern der Gedenkstunde zum Volkstrauertag nah.
Foto:© Hartmann | HAZ

„... dass dieses Elend ein Ende hat“ | HAZ 20.11.2006
160 Menschen erleben eine bewegende Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Rathaus

(br) August Meier bemühte sich, seiner Tochter Mut zu machen. Er hoffe, bald zu Hause zu sein, schrieb ihr der Landsturmmann im Juli 1916: „Der liebe Gott möge es geben, dass dieses Elend ein Ende hat.“ Sechs Wochen später war der sechsfache Vater und Ehemann tot. Doch das „Elend“ dauerte zwei weitere Jahre, am Ende waren sieben Millionen Soldaten im Ersten Weltkrieg gestorben.

Seither sind fast 100 weitere Millionen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft dazugekommen, wie Oberbürgermeister Kurt Machens gestern in der Gedenkstunde des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge zum Volkstrauertag vorrechnete. „Das Schicksal der Toten mahnt uns, die aktuellen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme auf friedliche Weise zu lösen. “ Als Leitmotiv wählte Machens, der Vorsitzender des Volksbundes ist, ein Zitat der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach: „Frieden kannst du nur haben, wenn du ihn gibst.“

Dazu sei es notwendig, sein Gegenüber zu verstehen, kulturelle Hintergründe zu sehen. Die USA hätten im Irak eine Gewaltherrschaft beendet, „aber es herrscht Krieg“. Israel habe seine Bürger vor Angriffen der Hisbollah schützen wollen, damit aber Menschen im Libanon den Krieg gebracht.
Den Volkstrauertag bezeichnete Machens als Tag der Mahnung zur Versöhnung, Verständigung und zum Frieden. „So geben wir dem Sterben der Menschen, deren wir gedenken, einen zusätzlichen Sinn.“ Und auch, wenn viele heute keinen persönlichen Bezug mehr zu den Toten der Weltkriege hätten: „Jeden Tag kann wieder ein Menschenleben vorbei sein“, zum Beispiel bei einem der Bundeswehreinsätze im Irak, in Afghanistan oder im Nahen Osten. Eine Erfahrung, die Major Jörg Mielich als Vertreter der Panzergrenadierbrigade 1 bestätigen kann: „Wir wissen, wie es ist, Kameraden zu verlieren“, sagte ein nachdenklicher Mielich später der HAZ.

Dass die Botschaft des Volkstrauertages bei den 160 Gedenkstundenteilnehmern ankam, war vor allem ein Verdienst von Schülern des Gymnasiums Himmelsthür. Der Chor sang unter anderem jüdische Lieder, Jugendliche aus dem zwölften Jahrgang trugen Texte zum Thema vor, unter anderem aus dem Anti-Kriegs-Klassiker „Im Westen nichts Neues“ von Erich Remarque.

Den tiefsten Eindruck hinterließ jedoch die Feldpost August Meiers. „Ein Schlaglicht werfen auf die Folgen des Krieges für einen einfachen Mann und seine Familie“: Das Schicksal des mit 36 Jahren in Russland gestorbenen Landsturmmannes aus Braunschweig erfüllte besonders dieses Kriterium, nach dem Lehrer Immo Beuse und seine Schüler ihre Texte ausgesucht hatten. Es ist auch Beuses eigene Familiengeschichte: Meier war sein Uropa, die Briefe und Karten stammen aus dem Nachlass eines seiner sechs Kinder, einer Großtante Beuses. Zu den verlesenen Hinterlassenschaften gehörte das Schreiben, mit dem die Kompanie der Familie in knappen Worten den Tod des Ehemannes und Vaters mitteilte. Es war ein Moment, an der manchem Zuhörer im Rathaus gestern noch 90 Jahre später die Tränen liefen.